Georg Habertheuer - Deep Brain Simulation

Was für ein Name: Karma! So hieß die Narkoseärztin, die meine Hand in die ihre nahm, als meine Schmerzen zu groß wurden. Als der syrische Schnitter sein kaltes Werkzeug, die sterile, blank aufblitzende, superscharfe Klinge in das Fleisch drückte und einen stummen Halbkreis zog, der erst Momente später überrascht eine rote Linie zeigte (was ich natürlich nicht sehen konnte, aber die Spur der sickernden Wärme spürte ich doch) und die Haut vom blutenden Schädel abzog wie die Schale von einer frischen Orange. So hörte und fühlte es sich an: das Abreißen eines gut klebenden Pflasters von roher, wunder Haut. Das Abziehen des Felles vom Kadaver eines Kaninchens. Oder – als urbane, coole „Outdoor“ - Variante - das Aufreißen eines auf meinem Kopf implantierten Klettverschlusses. Da lag er offen und frei, der weiße, rote Schädel.

Mein Chirurg war – und ist es mutmaßlich immer noch – ein ruhiger, leiser und konzentrierter Mann der Tat, der in seiner Arbeit aufging, wie man so sagt. Wie wohl alle Operateure dieser Welt hatte er wenig Interesse an mir und mehr an der Aufgabe oder an der Gelegenheit zu zeigen, was die moderne Medizintechnik und damit er so zu leisten imstande sind. Das ist in meiner Lage wenig verwerflich, denn er machte seinen Job gut, schnell und gründlich – und hatte mich wenige Tage später bereits professionell vergessen. Ganz der ordentliche Handwerker, arabisch etepetete, sozusagen. Die verabredete Kontrolle in der Woche nach meiner Operation fand fast zufällig und nebenbei halb auf dem Flur statt, und er musste lange rätseln, bis er mich zuordnen konnte, der ich vor dem Büro scheinbar wie irgendein Patient oder Besucher seinen Weg kreuzte.

Karma – ein passenderer Name wäre mir niemals eingefallen! Gutes Karma, das meinen Willen zum Durchhalten verdoppelte und die phantasierte Hoffnung stärkte, nicht allein oder nur passives Opfer zu sein. Mein persönliches Karma, eine himmlisch schöne Frau in der himmelblauen Uniform der himmlisch-göttlichen Operateure. Ein Engel für mich ganz allein!

Ich glitt aus einer ersten Narkose und aus dem toten Schlaf, dessen Kommen ich gar nicht bemerkt hatte. Ich weiß noch, dass ich frühmorgens eine „alles wurscht“-Droge, die berühmte LmaA-Tablette bekommen, mich bei der Fahrt mit dem Bett zum Lift (dem finalen Defilee vor dem Öffnen des Kopfes) von den diversen Personen locker-fröhlich verabschiedet hatte und von den beiden blonden Krankenschwestern in den Aufzug geschoben wurde. Dann nichts mehr.

Ich hatte mich entschieden, den radikalsten aller Wege zu gehen und Morbus Parkinson mit offener, roher Gewalt entgegen zu treten, zurück zu feuern mit artifiziellen Botenstoffen aus dem Arsenal von Chemie und Kraftstrom. Dazu gehörte als der bekannten Weisheit letzter Schluss dieses Eingraben zweier energetischer Geschütze tief im Hirn. Medikamente allein sprachen nach zehn Jahren dieser von Nichtwissen und irrationalen Vermutungen umrankten Krankheit nur mehr unberechenbar und sehr reduziert an; das Geheimnis rund um Parkinson, das mich zum Zuschauer meiner selbst machte und zum hilflosen Akteur in einem bösen Reigen, war noch lange nicht verbraucht oder aufgeklärt. Was mir blieb, war die tägliche Irritation über eine sich ständig ändernde Kraft, die mit mir tat, was sie wollte. Gänzlich nüchtern war ich, als ich den Entschluss dazu fasste, mich unter das Messer zu legen und eine zusätzliche Energiequelle in die Brust resp. ins Gehirn zu pflanzen, und doch war ich immer noch naiv und in der Tat ahnungslos, als meine neue Geschichte endlich begann. Denn ich wusste nicht, was für ein Kapitel ich damit aufschlug.

Als ich damals nach wiederholten Untersuchungen die endgültige Diagnose „Morbus Parkinson“ erhielt, hatte ich mich innerlich bereits längst auf sie eingestellt. Ich wusste oder befürchtete oder ahnte wohl schon vorher, dass das Urteil nur so ausfallen konnte; kein Schimmer, woher meine Sicherheit stammte. Doch sie machte mich kühl und kalt; ich war und bin immer schon ein Kopfmensch, nun ergab ich mich ohne Schmerz oder Wut meiner gut gelernten Nüchternheit. Der erste von mir zu Rate gezogene Neurologe verneinte nach der Routineuntersuchung meine besorgte Frage, ob das Parkinson sein könnte, kategorisch; offenbar saß er / saßen wir einem Vorführeffekt auf und alle Parameter waren normal: Gehen? Normal. Sprache? Normal. Krumme Haltung? Normal. Schreiben? Normal. Riechen? Normal. Unbeweglichkeit? Normal. Als noch wahrscheinlicher aber will ich zu seinen Gunsten annehmen, dass der Arzt mir für meine Verspannungen und den schmerzenden Rücken in dieser sehr frühen Phase eine schlimmere Diagnose als „zu viel Schreibtisch, zu wenig Sport“ ersparen wollte. Zu eindeutig waren die von mir beschriebenen Symptome, als dass ein Neurologe sie ignorieren könnte. Ein Arzt, der meine potentiellen, künftigen Sorgen und mein Am-Liebsten-Gar-Nicht-Wissen-Wollen voraus denkt – ich sollte ihm eigentlich dankbar sein! Zwei Jahre später war ein anderer Neurologe sehr viel weniger zimperlich; der sagte mir beim Betreten des Sprechzimmers seine Erkenntnis ungefragt und rundheraus auf den Kopf zu. Parkinson! Gar keine Frage! Und das, ohne groß von seinen Zetteln aufzuschauen oder seine soeben mit viel Akribie gereinigte Brille aufzusetzen. Obwohl ich sozusagen mit einem Schlag überzeugt worden war, ließ ich noch alle Tests machen, um andere Möglichkeiten wie Hirntumor oder Ähnliches auszuschließen. Doch da waren alle Zweifel am Ergebnis und unrealistischen Hoffnungen auf eine andere Diagnose für meinen Kopf längst erledigt.

Parkinson, die Krankheit alter Männer, die das Leben hinter sich haben! Natürlich wurden sie gebührend bedauert und sie erhielten alles ihnen zustehende Mitleid einer christlich mitfühlenden Gemeinschaft, aber richtige Sorge und tiefe Anteilnahme brauchten sie doch gar nicht mehr, da sie an ihrem „Lebensabend“ angekommen waren. Ihre Kraft / Ihre Zeit war mit einer solchen Diagnose eben, nüchtern betrachtet, vorbei. Mit Parkinson, dieser großen, verstörenden Unbekannten, endete das gewöhnliche Leben; danach kam vermeintlich nur noch der Tod. Da war ich noch keine 44 Jahre alt.

Meine Variante dieser so genannten „Schüttellähmung“ beschränkte sich aufs Lahme: das Gehen fiel mir schwer, ich torkelte wie betrunken und hielt meinen rechten Arm eng an mich; meine gesamte rechte Seite verkrampfte schmerzhaft; alle Bewegungsmuster, die sich wiederholten, wie Zähneputzen oder Schreiben, führten bei mir zum Einfrieren und zur Unbeweglichkeit. Anfangs konnte ich durch Tricks verhindern, dass meine Behinderung auffiel; auch sprach ich nur mit sehr wenigen Menschen darüber, ja, selbst mein eigenes Bild von mir sollte mich intakt zeigen. Ich wollte das latente, gefräßige Mitleid meiner Umgebung nicht, den hässlich sanften Dackelblick wohlfeil gespendeten Mitgefühls. Hatte wohl Angst davor, als minder wahrgenommen zu werden. Im Laufe der ersten Jahre habe ich mich oft versteckt und mein Lachen gegen ein leeres Gesicht ohne Mimik eingetauscht, dessen Veränderung ich im Spiegel zunehmend kälter betrachtete, wie es mir immer fremder wurde und gar nicht mehr aussah wie ich.

Morbus Parkinson stahl mein Selbst, das Bewusstsein für die Welt, aber nicht das Leben! Denn an Parkinson stirbt man nicht, solange man sich nicht in den Bremsweg eines LKWs stellt, weil man einfach einfriert. Was für eine banale Monstrosität! Welche Ignoranz all meiner Wertvorstellungen von einem ehrlichen Kampf um mein Leben! Ich war mehr als beleidigt, da mir so ein „gnädiges Schicksal“ höchst ungerecht erschien: mir die schöne Welt zu nehmen und das graue Leben zu lassen anstatt mich zum vielleicht einsamen, aber doch zum Helden im Kampf mit dem drohenden Tod zu stilisieren. Dass Parkinson nicht das Ende bedeutete, lachte mir armen, pathetischen Dramatiker ins Gesicht! Das verspottete mich, indem es mich am Leben ließ; an einem Leben ohne greifbare Qualität.

Es dauerte Jahre, die ich nach außen hin in stoischer Ruhe verbrachte, doch drinnen brannte es loh. Ich hatte mich von Anfang an gefügt, weil mir einfach gar nichts Anderes übrig blieb als alles (!) zu akzeptieren. Dass Morbus Parkinson eine unheilbare Erkrankung ist, mit mir auf einer immer steiler werdenden Rutschbahn, an deren unreinem Ende ich wie Müll ausgespuckt werden würde.

Mein Widerstand formte sich ohne echte Heilungsaussichten nur langsam. Natürlich nahm ich alle Therapien wahr, schluckte viele bunte Pillen, trank selbst die fadesten esoterischen Säfte und klebte Pflaster. Auch die Operation am lebenden Hirn hatte ich bereits im Auge, von der es (damals) hieß, sie sei das letzte Mittel und deshalb so spät wie möglich vorzunehmen. Ich war also schon früh fest entschlossen und wartete ohne jede Ungeduld die zehn Jahre ab. Wenn ich schon krank sein musste, sollte wenigstens nach meiner Pfeife getanzt werden. Ich war doch das Spielfeld, der Gegner und der Ball in einem Spiel mit unsicheren Regeln. Da müsste doch ein Sieg – für wen auch immer - drin sein!

Was erwartete ich von diesem trotz aller inzwischen erreichten Routine immer noch riskanten Eingriff in meinen Kopf, also an der Quelle allen Übels? Ich wusste von vielen Erfolgen weltweit, bei denen völlig verkrümmte Patienten mit einem Mal wieder aufrecht und stolz wurden. Das wollte ich auch! Gehen statt torkeln! Beweglich sein statt steif! Nicht mehr aussätzig, bedauernswert und „Dackel“, sondern stark und zu allem fähig! Und ich rechnete mir aus resp. hoffte zumindest inständig auf die Wiederauferstehung meiner Stimme durch eine ähnlich deutliche Verbesserung der Gesichtsmuskulatur, obwohl dafür die Beispiele weniger und die Aussichten geringer waren.

Halbwegs zu mir kam ich durch die unangenehme Lage meines Kopfes, die irgendwie falsch war, sodass ich sehr schwer Luft bekam und schnarchend röchelte. Das war mir etwas unangenehm, aber unter diesen Umständen nicht allzu sehr. Ich hörte neben den Stimmen der Anwesenden – oder spürte! - auch das schabende Geräusch einer Rasierklinge, die in dem Moment gerade hinter meinem linken Ohr geführt wurde. Daraus entnahm ich, dass mein Kopf frei oder vermutlich nur auf einem kleinen Punkt, vielleicht so groß wie ein Korken, lag. Ich sackte wieder weg. Wie ich später merken sollte, waren „der Punkt“ vier stählerne Dornen an einem stählernen Ring, der meinen Kopf umklammerte.

Irgendwann erwachte ich richtig. Es fiel mir die Bitte meiner Frau ein, doch eine Haarsträhne zur Erinnerung an meine langen, fliegenden Haare, an meinen wirren, nicht zu bändigenden Haarschopf von früher / vorher mitzubringen; ich rief diesen sentimentalen Wunsch mit einem leicht scherzhaften Ton in den kühlen Raum, doch niemand antwortete. Ich versuchte es lauter, so gut es mir eben gelang. Keine Reaktion. Die Gespräche liefen weiter, ganz ohne mich. Ich glaubte beinahe nur, ich hätte gerufen.

Früher. Vorher. Wer war ich bis jetzt – und wer werde ich ab morgen sein? Meine Vergangenheit ist definitiv vergangen, aber wer bin ich heute? Und wo ist meine Zukunft?

 

Quelle: (c) Georg Habertheuer

 

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