Gift oder Heilmittel? Toxine (Video)

Im Korallenmeer des Südpazifik nimmt ein Segelboot Kurs auf die Chesterfield-Inseln. An Bord befindet sich die Forschungsgruppe des schweizerischen Biochemikers Reto Stöcklin. Ihre Mission ist das Einsammeln von Meeresschnecken, von Exemplaren der Kegelschnecke Conus Consor. Die harmlos wirkenden Weichtiere sind mit einem komplizierten Giftapparat ausgestattet, mit dem sie einen Fisch innerhalb weniger Sekunden erlegen können. Bei Laboruntersuchungen entdeckte Stöcklin im Gift der Conus Consor ein Protein, das für die Entwicklung von Schmerzmitteln und Anästhetika äußerst interessant ist. Das Forschungsprojekt erhielt den Namen CONCO und überzeugte auch die Europäische Union, die über 10 Millionen Euro investierte.

 

Giftstoffe bilden beispielsweise die Grundlage für die Untersuchung komplexer physiologischer Systeme - wie Nerven-, Immun- oder Herzkreislaufsystem - und könnten zu der Entwicklung neuartiger Medikamente zur Behandlung von Krebs, AIDS, Bluthochdruck, Alzheimer oder Parkinson führen.

 

Die Idee, Giftstoffe als Heilmittel zu verwenden, reicht bis in die Antike zurück. Heute lassen sich mit hochkomplexen Instrumenten Struktur und Wirkung der Moleküle untersuchen. Ein Meilenstein in diesem Bereich war 1975 die Entwicklung von Captopril, einem Medikament gegen Bluthochdruck, hergestellt aus dem Gift einer in Brasilien heimischen Schlange. Dr. George Miljanich war seinerseits maßgeblich an der Entwicklung des Medikaments "Prialt" beteiligt, das aus dem Gift von Kegelschnecken hergestellt und heute zur Behandlung chronischer Schmerzen eingesetzt wird.

 

Während Reto Stöcklin seine Forschungsarbeit fortsetzt, werden die wertvollen Schnecken zum "Craig Venter Institute" in Kalifornien transportiert. Den Wissenschaftlern des berühmten amerikanischen Labors gelang es erstmals, ein menschliches Genom zu sequenzieren. Im Rahmen des Projektes CONCO sollen sie das Genom des Conus Consor entschlüsseln. Die Kegelschnecke ist das erste giftige Meerestier, dessen Genom vollständig decodiert werden soll. Auch Dr. Jean Philippe Chippaux von der Universität in Paris ist von den erfolgsversprechenden Perspektiven des Projekts für die Medizin überzeugt. Er erklärt, welche Bedeutung die neuen Substanzen für ein besseres Verständnis physiologischer Mechanismen des menschlichen Körpers, für die medizinische Diagnostik und für therapeutische Zwecke haben. Am Ende langer Forschungsprozesse stehen schließlich die Patienten, denen die innovativen Heilmittel Grund zur Hoffnung geben.

 

Quelle: Arte TV